Solidarität mit dem Zaytoun Kollektiv!

In Anbetracht des anhaltenden Genozids in Palästina und des Umgangs seitens der Bundesrepublik damit sind palästinasolidarische Organisationen und Kollektive im Sinne eines antiimperialistischen und antizionistischen Kampfes unabdingbar für uns. Sie bringen Perspektiven ein, die in Deutschland von äußerster Repression betroffen sind.

Wir als Kreisverband Dortmund sprechen unsere Solidarität dem Zaytoun Kollektiv gegenüber aus, welches sich für den palästinensischen Befreiungskampf einsetzt.

Nachtrag zum Begriff “Antizionismus”
Da der Begriff unterschiedlich interpretiert wird, hier zur Erläuterung ein Auszug aus der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, der wir uns anschließen:

Israel und Palästina: Beispiele, die nicht per se antisemitisch sind
[…]
"12. Kritik oder Ablehnung des Zionismus als eine Form von Nationalismus oder das Eintreten für diverse verfassungsrechtliche Lösungen für Juden und Palästinenser in dem Gebiet zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. Es ist nicht per se antisemitisch, Regelungen zu unterstützen, die allen Bewohner:innen „zwischen dem Fluss und dem Meer“ volle Gleichberechtigung zugestehen, ob in zwei Staaten, einem binationalen Staat, einem einheitlichen demokratischen Staat, einem föderalen Staat oder in welcher Form auch immer."

(https://imdialog.org/bp2021/03/jda.pdf)

 

Die geschilderten Ereignisse (s.u.) zeigen, wie schnell migrantische und palästinasolidarische Stimmen in vermeintlich linken Räumen diffamiert und zu Unrecht ausgegrenzt werden. Solches Verhalten darf keinen Platz in unserer Gesellschaft finden.

Linke Politik muss auf der Seite der Unterdrückten stehen. Free Palestine.

Hier das Statement des Zaytoun-Kollektivs auf Instagram:

Eigentlich möchten wir einen solchen Post gar nicht machen. Unsere Energie stecken wir lieber in politische Arbeit, und grundsätzlich ist uns direkte Kommunikation lieber als öffentliche Statements.

Da wir jedoch seit November letzten Jahres von verschiedenen Organisationen gecancelt oder geghostet werden, weil Gerüchte über uns verbreitet werden, sehen wir mittlerweile kaum eine andere Möglichkeit. Erst langsam gelingt es uns, diese Gerüchte zu entkräften. Die Ereignisse der letzten Tage haben jedoch erneut zu falschen Darstellungen geführt. Deshalb möchten wir hier schildern, was passiert ist.

1.) Drei Frauen aus unserem Kollektiv waren am 01.03.2026 bei einer Veranstaltung im SöZ, um sich auszutauschen und beim Banner-Malen zu unterstützen. Schon zu Beginn war die Stimmung uns gegenüber angespannt. Eine Begrüßung blieb aus, der Tonfall war deutlich distanziert.
Relativ schnell wurden wir gefragt, ob unsere Werte überhaupt übereinstimmen würden. Besonders betont wurde dabei der Begriff „Gott“. Für uns als Menschen mit Migrationshintergrund hat eine solche Frage in einem bestimmten Kontext eine andere Wirkung.

2.) Trotzdem haben wir erklärt, dass wir in manchen Punkten unterschiedliche Ansichten haben, unsere Priorität aber darin liegt, dass wir ein gemeinsames Ziel haben und darüber hinwegsehen können.
Wir gehen nicht nur für uns und unsere eigenen Interessen auf die Straße, sondern für die Rechte aller FLINTA*-Personen weltweit. Unsere Aussagen und Erklärungen wurden weiterhin belächelt, was wir als provokativ empfunden haben.

3.) Schon bald wurden unsere Kontoaktivitäten sowie unsere Aktivitäten auf der Straße (Kundgebungen, Demos etc.) kritisiert.
Es wurde gesagt, man stelle sich nicht mit allen auf die Straße, sonst hätte man ja an unserer Eilkundgebung am Tag davor teilgenommen. Gleichzeitig wurde uns im selben Atemzug vorgeworfen, wir würden auf der Seite des Mullah-Regimes stehen.

4.) Aus der Caption unseres Beitrags lässt sich klar erkennen, dass dies nicht der Fall ist. Als wir fragten, ob diese Caption überhaupt gelesen wurde, wurde das verneint und ergänzt, dass man sich nicht weiter mit unserem Account beschäftigt habe.
Zwischendurch fielen außerdem Begriffe wie „Hamas“ und „türkische Nationalisten/Organisationen“. Auch dafür mussten wir uns rechtfertigen.

5.) Einer Person aus unserer Gruppe wurde der Druck zu viel. Sie äußerte, dass sie eine Einschränkung hat und sich in solchen Situationen nicht gut ausdrücken kann. Die Reaktion darauf war Gelächter. Wir dachten, dass für Ableismus in der linken Szene eigentlich kein Platz sei.
Nach mehreren Minuten wurde schließlich gesagt, man fühle sich in der Situation teilweise von uns bedroht und eingeschüchtert. Wir boten daraufhin an zu gehen, falls sich auch nur eine Person unwohl fühlt. Die Frage sollte ehrlich beantwortet werden, ohne dass jemand sauer ist.
Am Ende hieß es, dass es heute in diesem Rahmen nicht passt. Wir wurden aber zur Vorabenddemo eingeladen.

6.) Als wir aufstanden, um zu gehen, fragten wir, ob ein Genosse von uns, von dessen Anwesenheit wir zuvor nichts wussten, uns begleiten soll oder dort bleiben darf. Diese Person wurde mit dem alten Namen angesprochen. Nachdem eine von uns dies korrigierte und darauf hinwies, wurde es weiterhin ignoriert und der falsche Name erneut benutzt.
Dennoch durfte die Person bleiben, was für uns kein Problem darstellte.
Als er später nach Hause fuhr, berichtete er, dass aktiv versucht wurde, auf ihn einzureden und ihn von unserem Kollektiv fernzuhalten.

7.) Am 07.03.2026 fand die Vorabenddemo in Dortmund statt, zu der wir eingeladen worden waren.
Gegen 18:40 Uhr trafen wir im Park der Partnerstädte vor dem Dortmunder U ein. Zu diesem Zeitpunkt war alles in Ordnung. Auch während wir losliefen und bei den Zwischenkundgebungen war unsere Anwesenheit kein Problem. Wir liefen ganz hinten im Demozug.
Nach etwa zwei Stunden kamen zwei Ordner:innen auf uns zu. Uns wurde plötzlich gesagt, dass wir nicht zum Demokonsens passen und wir die Demo verlassen sollen.

8.) Auf Nachfrage nach dem Grund wurde uns gesagt, unsere Kufiyas seien antisemitisch. Zunächst nur die Tücher an sich, dann wir als Personen. Auf die Bitte, uns das zu erklären, kam keine konstruktive Antwort mehr.
Eine Person, die nicht zu unserem Kollektiv gehört, fragte, ob kurdische Kufiyas ebenfalls ein Problem darstellen würden, da zuvor Solidarität mit Kurdistan ausgesprochen worden war. Diese Frage wurde nicht beantwortet. Stattdessen wurde die fragende Person ebenfalls sofort als antisemitisch bezeichnet und direkt von der Demo ausgeschlossen.

9.) Kurz darauf wurde ein Smartphone gezückt und uns ein Instagram-Post gezeigt, anhand dessen behauptet wurde, wir würden antisemitische Postings verfassen.
Side note: Dieser Post ist nicht einmal von uns.
Die Diskussion spitzte sich zu, beide Seiten wurden lauter. Ab einem bestimmten Punkt drehten sich die beiden Ordner:innen um, redeten nicht mehr mit uns und gingen zweimal zur Polizei.
Kurz danach stellten sich innerhalb von Sekunden mehrere Polizist:innen in Schutzmontur links und rechts neben uns auf.

10.) Während wir im Demozug immer weiter nach hinten fielen, gingen die beiden Ordner:innen zum Lauti und machten eine Durchsage: Auf der Demo sei kein Platz für Antisemitismus, das Zaytoun Kollektiv sei antisemitisch und wir sollten uns „verpissen“.
Unmittelbar danach befanden wir uns bereits in einer polizeilichen Maßnahme. Dazu werden wir zum Schutz der Betroffenen keine weiteren Aussagen machen.
Ein großer Dank geht an die Gruppe, die den Vorfall mitbekommen, sich währenddessen zu uns gestellt und solidarisiert hat.

11.) Bemerkenswert bleibt, dass auf Demos größtenteils als weiß gelesene Ordner:innen zur Polizei gehen, um sich über migrantisch gelesene, palästinasolidarische Personen zu beschweren.
Erst kürzlich wurde die Studie „Institutionen und Rassismus“ (InRa) veröffentlicht, die zeigt, dass Rassismus und diskriminierende Effekte in verschiedenen staatlichen Institutionen bestehen und sich durch Strukturen und Handlungsspielräume in Behörden zeigen, beispielsweise auch bei der Polizei.
Wenn man sich außerdem die Polizeigewalt gegenüber pro-palästinensischen Demonstrierenden anschaut, sieht man, dass diese häufig willkürlich und unverhältnismäßig ist, sogar gegenüber friedlichen Demonstrierenden. Dies zeigt, welches Risiko sie bereit sind einzugehen.

12.) Nach Abschluss der Maßnahme wurde uns schließlich gesagt, dass es keinen Grund gibt, warum wir nicht an der Demo teilnehmen sollten, und dass wir weitergehen dürfen.
Zwei von uns liefen noch bis zur Abschlusskundgebung, da mehrere Personen es so verstanden hatten, dass danach noch ein Gespräch stattfinden sollte.
Im letzten Redebeitrag ging es übrigens um Täter in der Musikszene. Relativ am Anfang der Demo lief allerdings ein Lied einer Sängerin, die wegen kontroverser Aussagen kritisiert wird. Diskutiert werden dabei insbesondere mögliche rassistische Stereotype in früheren Songtexten sowie Positionen zu Geschlechterfragen, die von Kritikern als transfeindlich bewertet werden.

13.) Nachdem die Demo offiziell beendet war, lief noch ein Lied über die Lautsprecher. Als es endete, sahen die beiden Personen von uns, dass mehrere Polizist:innen in eine Richtung liefen und einige Demoteilnehmende hinterher.
Unsere zwei liefen ebenfalls hinterher, aus Überzeugung heraus, dass niemand allein gelassen wird.
Dort wurde uns von anderen Demoteilnehmenden gesagt, eine Person sei „wegen uns“ verhaftet worden, wir sollten uns „verpissen“ und würden einen peinlichen Auftritt hinlegen, weil wir angeblich eine Anzeige kassieren wollen.
Die danebenstehenden Polizisten, die davon mitbekommen haben, konnten diese Aussage nicht bestätigen.

14.) Kurz darauf kamen wir mit einer Frau ins Gespräch, die ebenfalls eine Kufiya trug und sich mit uns solidarisierte.
Ein paar Minuten später trafen wir zwei Freunde, die uns berichteten, dass zwei uns unbekannte Personen Fotos von uns gemacht hätten.
Wir gingen gemeinsam zu ihnen und sprachen sie darauf an.
Person eins behauptete, er habe an diesem Tag kein einziges Foto gemacht und außerdem sei die Kameraqualität seines Smartphones dafür zu schlecht. Als wir erwähnten, dass andere Menschen dies beobachtet hätten, sagte er zu einer Frau aus unserer Gruppe: „Halt deinen Mund.“ Am Feministischen Kampftag.

15.) Als wir dies kritisierten, wollte er nicht mehr weiter mit uns reden.
Ein paar Meter entfernt rief uns eine der zuvor genannten Ordner:innen zu, wir sollten uns „verpissen“ und sie könnten „unsere Fressen“ nicht mehr ertragen.
Person zwei, die ebenfalls beim Fotografieren beobachtet worden war, mischte sich ein. Wir baten darum, uns die Fotos zu zeigen. Die Antwort war: „Nö, die kann ich euch nicht zeigen.“
Danach ging die Person weg.
Als wir erneut darum baten, die Fotos zu löschen, hieß es plötzlich, es seien gar keine Fotos gemacht worden.
Mehrere Menschen mischten sich ein, wir wurden angeschrien und uns wurde lautstark gesagt, wir sollten verschwinden.

16.) Als sich die Situation beruhigte, kamen andere Demoteilnehmende zu uns. In Gesprächen wurde geklärt, was tatsächlich am Ende des Demozugs passiert war.
Dabei wurde uns berichtet, dass den Teilnehmenden von den Ordner:innen vermittelt worden sei, jüdische Personen hätten sich durch unsere Anwesenheit bedroht gefühlt. Diese Information wurde uns gegenüber zu keinem Zeitpunkt geäußert. Uns wurden ausschließlich Antisemitismusvorwürfe gemacht.
Den Teilnehmenden wurde das Geschehen also unvollständig und fehlerhaft dargestellt.
Am Ende dieser Gespräche wurde Verständnis für unsere Perspektive geäußert und eingeräumt, dass voreilige Schlüsse gezogen wurden.

17.) Als wir später allein auf dem Platz waren, reflektierten wir den Abend gemeinsam als Gruppe aus Personen des Kollektivs, Freund:innen und Zeug:innen und erstellten ein Gedächtnisprotokoll.
Dieser Abend hat Spuren hinterlassen. Eine Person aus dem Freundeskreis äußerte, dass sie Angst gehabt habe. Eine andere begann zu weinen, weil sie jüdische Vorfahren hat und die Antisemitismusvorwürfe sie sehr getroffen haben.
Außerdem stellten wir fest, dass uns nicht einmal die Möglichkeit gegeben wurde, die Kufiya abzulegen.
Während der Demo hatten wir außerdem zwei weitere Personen mit Kufiyas kennengelernt, die weiter vorne im Demozug liefen. Diese berichteten im späteren Verlauf, dass sie jedoch kein einziges Mal darauf angesprochen oder der Demo verwiesen wurden.

18.) Seit diesem Abend werden unser Instagram-Accounts von vielen Burner-Accounts beobachtet, aber auch von zahlreichen scheinbar normalen Accounts, die uns nicht folgen. Wir haben das Gefühl, dass dies eine Art Einschüchterungsversuch ist. Manche haben ihren Account zum Selbstschutz vorerst auf privat umgestellt.
Für einige Betroffene wurde der Abend, den man aus gegebenem Anlass eigentlich feiern wollte, dadurch komplett ruiniert.

Caption zum Statement:
Unser Dank gilt allen, die sich in verschiedenen Situationen mit uns solidarisiert und uns nicht allein gelassen haben, als wir zurückgedrängt wurden.
Was wir erlebt haben ist kein Einzelfall. Auf dem Profil von @klassegegenklasse ist ein weiteres Paradebeispiel zu der gleichen Thematik, allerdings aus Leipzig.

Es ist schade, dass solche Dinge in einer angeblich linken Szene passieren.
Solche Dynamiken zerstören politische Räume von innen: Ausgrenzung, vorschnelle Stigmatisierung und der reflexhafte Griff zur Polizei gegen palästinasolidarische Menschen.

So zerlegt sich eine Szene, die eigentlich solidarisch sein will, selbst. Viele Menschen ziehen sich genau wegen solcher Erfahrungen aus politischem Engagement zurück.

Außer dass eine Gruppe ihren Willen durchsetzt, hilft das am Ende niemandem. Vor allem nicht den Menschen, für die wir eigentlich gemeinsam auf die Straße gehen.

(https://www.instagram.com/p/DVtCEXEiMch/)